Programmbeschwerde: Nadija Sawtschenko diverse Berichte-21.3.2016
Verfasst: 29. März 2016, 20:52
NDR-Rundfunkrat
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg
Programmbeschwerde: Nadija Sawtschenko diverse Berichte-21.3.2016
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
am 21.3.2016 berichtete ARD-aktuell in mehreren Beiträgen über den Prozess gegen die ukrainische Berufssoldatin Nadija Sawtschenko. Sie war im Juni 2014 in der Ostukraine festgenommen worden, als sie in der Faschisten-Miliz Aidar gegen die ostukrainischen Rebellen kämpfte. Später wurde sie nach Russland verbracht. Die russische Justiz wirft der ukrainischen Soldatin vor, sie habe einen Angriff koordiniert, bei dem zwei russische Journalisten getötet wurden. Die Tat wird von ihr bestritten.
Bernd Musch-Burowka hatte am 29.9.2014 über die Faschisten für die Tagesschau berichtet: "Besonders berüchtigt ist das Bataillon AIDAR, zu dem rechtsgerichtete ukrainische Nationalisten gehören, von denen sich einige mit Hakenkreuzen und anderen Nazi-Symbolen schmücken, als Abzeichen auf der Tarnkleidung oder als Tätowierung auf dem Körper. Die Anführer und viele Mitglieder sind bekennende Neonazis und Mitglieder von rechtsextremen Gruppen."
Amnesty International berichtete 2014 über Kriegsverbrechen des Ajdar Bataillons. Entführung, Raub, Misshandlung, Erpressung und vorgetäuschte Hinrichtungen waren die Vorwürfe.
Über die Angeklagte, die unstreitig in den Reihen dieses mörderischen Batallions kämpfte, gibt es inzwischen bei ARD-Aktuell 20 (!) Meldungen, Filme und Berichte. Die Berichte selbst sind im einzelnen keine Lügen, aber die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit, die dieser Fall bei ARD-aktuell erfährt, ist wegen der Verwicklung Sawtschenkos als Kämpferin in einem faschistischen Batallion überzogen und unverhältnismäßig. Es wird mit dem Hinweis auf die Nichtanerkunng von Entlastungsmaterial ein Eindruck erweckt, als sei die Soldatin eine besonders beklagenswerte Märthyrerin, ein bedauernswertes Opfer der russischen Justiz.
Diese irrige Publikumsansicht, gestützt auf Vorurteile über Russlands vermeintlich ungerechtes Justizwesen, speist ARD-aktuell mit propagandistischen Statements aus unberufenem Munde, namentlich der Herren Obama und Steinmeier. Die sich übrigens auch schon äußerten, noch bevor das russische Urteil gesprochen war.
Es ist journalistisch unvertretbar und auch unüblich, einem Fall wie diesen eine so große Bedeutung zuzumessen.
Dass es ARD-aktuell allein um die Beibehaltung ihrer russophoben Schlagseite ging, zeigt sich an einem durchaus vergleichbaren Justizfall in der Ukraine. Der überwiegende Teil der deutschen „Qualitätspresse" berichtete kürzlich über die Inhaftierung des Journalisten Ruslan Kotsaba aus der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk unter dem Vorwurf des Hochverrats. Darauf stehen in der Ukraine bis zu 15 Jahre Haft. Kotsaba hatte ein Video im Internet gepostet, in dem er dem Präsidenten Petro Poroschenko vorhält, die Einberufung von Reservisten durch die Armee sowie die Mobilmachung seien gesetzeswidrig, da kein Kriegsrecht ausgerufen worden sei. Er, Kotsaba, werde eher für einige Jahre ins Gefängnis gehen, als seine Landsleute im Osten zu erschießen. Amnesty International (AI) hat den Fall kritisiert und bezeichnet Kotsaba als politischen Gefangenen.
ARD-aktuell verschwieg diesen Fall allerdings, vermutlich, weil nach der monatelangen Falschberichterstattung über die Ukraine dem deutschen Publikum die rechtlosen Zustände in dem Land nun nicht urplötzlich in dermaßen gleißendem Licht dargestellt werden sollten. Es wäre das sonst sicherlich weiterer Mosaikstein zur Bestätigung des Bildes des ARD-Programmbeirates, der die ARD-Ukraine-Berichterstattung – wenn auch leider folgenlos – bereits vor zwei Jahren in Grund und Boden kritisiert hatte.
Vergleichen Sie den ungleichen Umgang der Redaktion ARD-aktuell mit den beiden genannten Justizfällen, dann erkennen Sie darin die typischen Muster von Agitation und Propaganda.
Und zu guter Letzt:
Aufgrund einer früheren Programmbeschwerde hatte der Rundfunkrat – nach eigenem Bekunden – Herrn Dr. Gniffke empfohlen, bei Berichten über ermordete Journalisten zukünftig deren Namen zu nennen. Man sieht, wie Dr. Gniffke selbst mit Empfehlungen des engsten Freundeskreises umgeht. Wir hören schon seine Rechtfertigung: Die Empfehlung galt nicht für russische Journalisten.
Über den Fall des friedenswilligen Ukrainers Ruslan Kotsaba kein Wort zu berichten, hingegen exzessiv und übertrieben über den Fall der faschistischen ukrainischen Aidar-Kämpferin Nadija Sawtschenko, beweist unvertretbaren Tendenzjournalismus und ist ein Verstoß gegen die NDR-Programmrichtlinien.
Mit höflichen Grüßen
F. Klinkhammer und V. Bräutigam
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg
Programmbeschwerde: Nadija Sawtschenko diverse Berichte-21.3.2016
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
am 21.3.2016 berichtete ARD-aktuell in mehreren Beiträgen über den Prozess gegen die ukrainische Berufssoldatin Nadija Sawtschenko. Sie war im Juni 2014 in der Ostukraine festgenommen worden, als sie in der Faschisten-Miliz Aidar gegen die ostukrainischen Rebellen kämpfte. Später wurde sie nach Russland verbracht. Die russische Justiz wirft der ukrainischen Soldatin vor, sie habe einen Angriff koordiniert, bei dem zwei russische Journalisten getötet wurden. Die Tat wird von ihr bestritten.
Bernd Musch-Burowka hatte am 29.9.2014 über die Faschisten für die Tagesschau berichtet: "Besonders berüchtigt ist das Bataillon AIDAR, zu dem rechtsgerichtete ukrainische Nationalisten gehören, von denen sich einige mit Hakenkreuzen und anderen Nazi-Symbolen schmücken, als Abzeichen auf der Tarnkleidung oder als Tätowierung auf dem Körper. Die Anführer und viele Mitglieder sind bekennende Neonazis und Mitglieder von rechtsextremen Gruppen."
Amnesty International berichtete 2014 über Kriegsverbrechen des Ajdar Bataillons. Entführung, Raub, Misshandlung, Erpressung und vorgetäuschte Hinrichtungen waren die Vorwürfe.
Über die Angeklagte, die unstreitig in den Reihen dieses mörderischen Batallions kämpfte, gibt es inzwischen bei ARD-Aktuell 20 (!) Meldungen, Filme und Berichte. Die Berichte selbst sind im einzelnen keine Lügen, aber die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit, die dieser Fall bei ARD-aktuell erfährt, ist wegen der Verwicklung Sawtschenkos als Kämpferin in einem faschistischen Batallion überzogen und unverhältnismäßig. Es wird mit dem Hinweis auf die Nichtanerkunng von Entlastungsmaterial ein Eindruck erweckt, als sei die Soldatin eine besonders beklagenswerte Märthyrerin, ein bedauernswertes Opfer der russischen Justiz.
Diese irrige Publikumsansicht, gestützt auf Vorurteile über Russlands vermeintlich ungerechtes Justizwesen, speist ARD-aktuell mit propagandistischen Statements aus unberufenem Munde, namentlich der Herren Obama und Steinmeier. Die sich übrigens auch schon äußerten, noch bevor das russische Urteil gesprochen war.
Es ist journalistisch unvertretbar und auch unüblich, einem Fall wie diesen eine so große Bedeutung zuzumessen.
Dass es ARD-aktuell allein um die Beibehaltung ihrer russophoben Schlagseite ging, zeigt sich an einem durchaus vergleichbaren Justizfall in der Ukraine. Der überwiegende Teil der deutschen „Qualitätspresse" berichtete kürzlich über die Inhaftierung des Journalisten Ruslan Kotsaba aus der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk unter dem Vorwurf des Hochverrats. Darauf stehen in der Ukraine bis zu 15 Jahre Haft. Kotsaba hatte ein Video im Internet gepostet, in dem er dem Präsidenten Petro Poroschenko vorhält, die Einberufung von Reservisten durch die Armee sowie die Mobilmachung seien gesetzeswidrig, da kein Kriegsrecht ausgerufen worden sei. Er, Kotsaba, werde eher für einige Jahre ins Gefängnis gehen, als seine Landsleute im Osten zu erschießen. Amnesty International (AI) hat den Fall kritisiert und bezeichnet Kotsaba als politischen Gefangenen.
ARD-aktuell verschwieg diesen Fall allerdings, vermutlich, weil nach der monatelangen Falschberichterstattung über die Ukraine dem deutschen Publikum die rechtlosen Zustände in dem Land nun nicht urplötzlich in dermaßen gleißendem Licht dargestellt werden sollten. Es wäre das sonst sicherlich weiterer Mosaikstein zur Bestätigung des Bildes des ARD-Programmbeirates, der die ARD-Ukraine-Berichterstattung – wenn auch leider folgenlos – bereits vor zwei Jahren in Grund und Boden kritisiert hatte.
Vergleichen Sie den ungleichen Umgang der Redaktion ARD-aktuell mit den beiden genannten Justizfällen, dann erkennen Sie darin die typischen Muster von Agitation und Propaganda.
Und zu guter Letzt:
Aufgrund einer früheren Programmbeschwerde hatte der Rundfunkrat – nach eigenem Bekunden – Herrn Dr. Gniffke empfohlen, bei Berichten über ermordete Journalisten zukünftig deren Namen zu nennen. Man sieht, wie Dr. Gniffke selbst mit Empfehlungen des engsten Freundeskreises umgeht. Wir hören schon seine Rechtfertigung: Die Empfehlung galt nicht für russische Journalisten.
Über den Fall des friedenswilligen Ukrainers Ruslan Kotsaba kein Wort zu berichten, hingegen exzessiv und übertrieben über den Fall der faschistischen ukrainischen Aidar-Kämpferin Nadija Sawtschenko, beweist unvertretbaren Tendenzjournalismus und ist ein Verstoß gegen die NDR-Programmrichtlinien.
Mit höflichen Grüßen
F. Klinkhammer und V. Bräutigam